Der kleine Unterschied

Mein Name ist Brigitte Bauer, ich sitze gerade hier in einem Cafe, mitten in Wien. Mir gegenüber schon seit rund einer halben Stunde eine junge Mutter mit ihrer süßen kleinen Tochter. Mutter und Tochter sind beide perfekt gestylt, die Kleine ist höchstens drei Jahre alt, hat jedoch schon blonde Strähnchen im dunklen Haar. Ihr wundert euch, warum ich euch das schreibe? Wartet ab.
Mutter und Tochter haben noch nicht viel miteinander gesprochen. Geht ja auch gar nicht, da die Große ja ununterbrochen mit ihrem Handy telefoniert. Die Kleine sitzt meist brav am Sessel und frisiert ihre Puppe. Und spricht mit ihr. Sonst ist ja keiner da. Vielleicht hat sie auch zugehört, wie ihre Mama am Telefon einer Freundin erzählt hat, dass sie gar nirgends mehr hingehen kann, wegen des Kindes. Und dass sie ständig im Stress ist.
Ja und vor einigen Minuten ist noch eine andere Mutter mit ihrem „Kind“ in den Gastgarten gekommen. Und deshalb schreibe ich jetzt auch diesen Brief. Eine ältere Dame, die ihren erwachsenen Sohn mit Down-Syndrom an der Hand hält. Der junge Mann ist hinter seiner Mutter hergetrottet, nun sitzt er neben ihr am Sessel. Die Mutter hat für beide Apfelsaft und Fruchtschnitten bestellt, gerade hilft sie ihrem Sohn beim Essen. Dieser schaut seine Mutter nur selten an, meist geht sein Blick ins Leere. Auch hat er eine rote Schnur in seiner Hand, diese dreht er ununterbrochen in der Luft herum. Manchmal lacht er aus heiterem Himmel, jetzt gerade wirkt er sehr aufgeregt. Er rutscht am Stuhl herum und schaukelt seinen Oberkörper. Seine Mutter legt ihm ihren Arm um die Schulter und redet leise mit ihm. Er wird ruhiger. Alle Leute, die hier im Gastgarten sitzen, schauen die beiden an. Ich leider auch, aber deshalb, weil ich von den beiden fasziniert bin. Und weil ich euch einfach von ihnen erzählen muss. Jetzt essen sie wieder weiter, ganz ruhig.
Ach ja, neben mir sitzt ja auch noch die Dame mit ihrer kleinen Tochter. Sie telefoniert schon wieder, oder noch immer, die Kleine jammert eh schon. Doch sie hört nur: „Hör auf“!
Der Unterschied zwischen diesen beiden Pärchen könnte nicht krasser sein. Ich blicke ständig hin und her. Der junge Mann mit Down-Syndrom lacht gerade wieder leise vor sich hin, seine Mutter dreht ihr Gesicht in die Sonne. Sie entspannt sich und sieht sehr zufrieden aus. Und sie spricht mit ihrem Sohn, blickt ihn dabei an. Er bleibt in seiner Welt versunken. Doch seine Mutter lächelt ihm zu, legt ihre Hand auf seine Hand und schließt die Augen. Sie sonnt sich und scheint den Augenblick zu genießen.
Nebenan wird – das Handy am Ohr – gezahlt. Die Kleine stellt schon zum dritten Mal die gleiche Frage: „Wohin gehen wir?“ Niemand beantwortet sie. Mit raschem Schritt, viel zu schnell für die Kleine, stürmen die beiden aus dem Gastgarten. Mutter und Sohn sitzen noch genauso da wie vorhin. Er dreht mit seiner Schnur, sie sonnt sich, jeder für sich, doch auf ganz starke Art miteinander verbunden.
Ich muss jetzt auch weiter, aber das war mir ein großes Bedürfnis, euch von dieser Begegnung zu erzählen.

Alles Liebe, Brigitte Bauer