Über das erfolgreiche Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechnens entscheiden vor allem die dafür erforderlichen Grundlagen, die sog. Teilleistungen.
Die folgende Tabelle stellt die wichtigsten im Überblick vor, wobei deren Entwicklung von unten nach oben verläuft.

Lesen, Schreiben und Rechnen

Serialität
(Informationen verschiedener Sinnesorgane werden zeitlich und logisch eingeordnet und in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht)
Intermodalität
(Informationen verschiedener Sinnesmodalitäten werden miteinander verbunden)
Akustisches Gedächtnis
Visuelles Gedächtnis
Raumorientierung
Akustische Figur- Grund- Differenzierung
Visuelle Figur- Grund- Differenzierung
Körperschema
Akustische Differenzierung
Visuelle Differenzierung
Taktile Wahrnehmung

Auf der Grundlage eines gesicherten Körperschemas  baut die Raumorientierung auf. "Was ist vor/hinter/neben/über/unter mir?" Auf die Orientierung am eigenen Körper folgt die Ausrichtung im drei- und später im zweidimensionalen Raum, erst danach finden sich Kinder im abstrakten Zahlenraum zurecht.

  • Das Wesentliche aus einem häufig verwirrenden Hintergrund herausfiltern zu können ist eine Leistung der akustischen bzw. visuellen Figur-Grund-Differenzierung. Wenn das Kind Schwierigkeiten hat, die Stimme der Lehrerin aus der vielfältigen Geräuschkulisse in der Klasse hervorzuheben, wird es sich den ganzen Vormittag intensiv anstrengen müssen, den Arbeitsaufträgen nachzukommen.Nach der großen Jausenpause, in der es turbulent zugeht, ist das Kind dann meist vollkommen reizüberflutet und kann sich kaum mehr auf seine Aufgaben konzentrieren. Rückzug, Tagträumen oder auch Aggressionen und das Spielen des Klassenclowns sind häufige Folgen. Im visuellen Bereich kann das Kind durch ein zu hohes Angebot an Farben, Mustern und Details überfordert sein. Es kann seinen Blick kaum auf den Lesetext oder die Rechnung richten, da das Arbeitsblatt oder Buch überfüllt ist mit Ablenkungen. Weniger ist mehr!
  • Das Bewusstsein für Reihenfolgen, die sog. Serialität, legt den Grundstein dafür, dass das Kind seinen eigenen Namen schreiben kann. Es reicht nicht, die Form der Buchstaben zu kennen, erst deren korrekte Reihenfolge lässt das gewünschte Wort entstehen. Abschreibfehler weisen häufig auf Schwierigkeiten in der Serialität hin! Auch der Zahlenstrahl hat eine bestimmte Reihenfolge, diese ist ebenso beim Lesen von Wörtern und Sätzen unverzichtbar.

Was bedeutet der häufig verwendete Begriff "Teilleistungsschwäche"?

Das bedeutet, dass ein Mensch in dem einen oder anderen Bereich noch Schwierigkeiten zeigt und dass die erforderliche Reife noch Unterstützung braucht.
Wir verwenden diesen Begriff nicht. Wir sprechen von Bereichen, die einer Nachreifung bedürfen, also von "Nachreifungspotential".

Die Psychologin Dr. Sindelar beschreibt die Entwicklung der unterschiedlichen Teilleistungen mit der Entfaltung eines Baumes, welcher erst zur vollen Blüte und Ausreifung gelangen kann, wenn die Wurzeln gut versorgt sind. Diese Wurzeln stellen die Teilleistungen dar. Die Blüten und Blätter des Baumes können mit den Kulturtechniken "Lesen, Schreiben und Rechnen" gleichgesetzt werden.

Im Kindergartenalter bleiben Teilleistungen meist unentdeckt, da viele Kinder intuitiv das vermeiden, was sie nicht gut können (wie wir Erwachsenen logischerweise auch). Im Schulalter ist dann aber "Schluss mit lustig" und es wird von allen Kindern erwartet, alles zu leisten. Und dann werden eventuell vorhandene Teilleistungsschwierigkeiten deutlich. Denn die zu beobachtenden Symptome, wie "Rechenschwäche" oder "Lese- Rechtschreibschwäche" hängen vielfach damit zusammen, welcher Teilleistungsbereich noch unreif ist. Teilleistungsschwächen sind vielfach die Ursachen jener Probleme beim Lesen, Schreiben und Rechnen, die das Kind zeigt.
Teilleistungsschwächen "wachsen" sich meist nicht aus. Das bedeutet, dass diese Problematik ohne gezielte Förderung häufig zu Verhaltensschwierigkeiten führt, da das Kind ständig mit der Erfahrung seines Misserfolgs konfrontiert ist. Und in weiterer Folge werden Teilleistungsschwächen auch in das Erwachsenenleben mitgenommen, was dort vielfach zu mühsamen Kompensationsstrategien führt (z.B. Vermeidung von Leseanforderungen).